23. Mai 2017 | Ist das mein Problem?

Liebe Lehrer und Lehrerinnen,

ich weiß ihr habt viel auf dem Tisch. Ich weiß eure Zeit ist begrenzt. Ich weiß, dass man auch einfach mal einen Feierabend haben möchte und ich weiß, dass niemand Konflikte gern anspricht.

Ich weiß aber auch, dass Cybermobbing Realität ist. Ich sehe, dass viele Schüler leiden. Ich sehe Ausgrenzung. Ich sehe Beschimpfungen und Beleidigungen. Ich sehe viel Traurigkeit und viel Verzweiflung. Ich lerne über unseren Cybermobbing Kummerkasten Woche für Woche die traurigen Geschichten der Kinder und Jugendlichen kennen, die niemanden sonst zum Reden haben, die sich dick fühlen, die ihr Essen wieder auskotzen, die sich ritzen.

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Reaktion einer Schülerin auf das Amanda Todd Video

Und dann fragt ihr mich „Was geht uns das an? Ist das unser Problem? Handys sind bei uns verboten. Darum sollen sich doch die Eltern kümmern.“ [in der Lehrerweiterbildung bleibe ich an dieser Stelle meist still und hoffe, dass mir ein beherzter Lehrer zu Hilfe springt, damit nicht nur die Referentin (die ja „vom Schulalltag gar keine Ahnung hat“) mit erhobenem Zeigefinger vorn steht. Normalerweise springt mir eine Person zu Hilfe. Eine unter 30 anwesenden Lehrern.]

Liebe Lehrer und Lehrerinnen: es ist sehr wohl eure Verantwortung. Es ist eure professionelle Verantwortung als Lehrer, die das Schulgesetz unter den Begriffen „Fürsorgepflicht“ und „Erziehungsauftrag“ vorschreibt. Und es ist eure Verantwortung als menschliche Wesen. Es ist eure Klasse. Es sind eure Schüler. Wer, wenn nicht ihr, kennt dieses Gefüge, kann einschätzen wie die Situation wirklich ist. Wer immer allein sitzt. Wer Angst hat und nicht dazugehört. Und wer Spott ertragen muss. Ihr habt die Verantwortung über eine Gruppe Heranwachsender. Sie zu begleiten. Sie zu unterstützen. Sie selbst zu verantwortungsbewussten, selbstständigen, reflektierten Erwachsenen zu erziehen – und nicht nur Gedichtanalyse, Winkelberechnung und den Aufbau des Vogels beizubringen.

Opfer Sept 2014

Darstellung der Opferrolle im Mobbingprozess

Mobbing ist nicht normal. Mobbing gehört nicht zum Heranwachsen dazu. Zum Heranwachsen dazu gehört es sich zu vergleichen, Stärken und Schwächen kennenzulernen, den Platz in einer Gruppe zu suchen. Dieser Prozess wird von Konflikten begleitet. Aber nicht von systematischen Mobbing.

Auch ihr wart einmal jung. Auch ihr habt einmal gewusst wie schwer es ist sich selbst zu finden. Wie schwer es ist, zu sich selbst zu stehen, sich zu akzeptieren und den Mund aufzumachen, wenn jemand anderes das nicht tut. Auch ihr musstet lernen euch Sachen nicht so zu Herzen zu nehmen – und lernt es mitunter immer noch. Und jetzt sind nicht mehr nur die Augen der Klasse auf die Kinder und Jugendlichen gerichtet sondern dank Instagram, WhatsApp & Co. die der ganzen Weltöffentlichkeit. Helft euren Schülern, seid für sie da und gestaltet mit ihnen eine Welt, in der man gern lebt.

Nützliche Materialien für Lehrer

Projekttag „Gewaltfreie Selbstbehauptung“ von klicksafe.

Dokumentationshilfen und Protokolle zum Erfassen von Mobbingsituationen „Systematisches Konfliktmanagement“ der Gesellschaft für systematische Pädagogik und soziale Arbeit in Schule und Jugendhilfe.

Praktischer Ratgeber „Mobbing in der Schule. Erkennen und handeln.“ von Martin Ebner.

 

 

 

Autor: Kristin Stritzke

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